

Geschichte wird besonders eindrucksvoll, wenn sie an authentischen Orten erzählt wird. Genau das erlebten mehr als 30 Gäste bei einer Führung über den jüdischen Friedhof zwischen Tholey und Theley, zu der die Gemeinde Tholey, das Generationenbüro der Gemeinde Tholey und die Synagogengemeinde Saar eingeladen hatten.
Der auf einer Anhöhe oberhalb der Einfahrt zum römischen Vicus Wareswald gelegene jüdische Friedhof ist heute ein bedeutender Erinnerungsort an die jüdische Gemeinde in Tholey. Vor dem Eingang erinnert der als „Ort gegen das Vergessen“ gestaltete Walter-Sendler-Platz mit einem Gedenkstein an die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden der Synagogengemeinde Tholey.
Unter der fachkundigen Leitung von Jörg Künzer erhielten die Besucherinnen und Besucher spannende Einblicke in die Geschichte der jüdischen Gemeinde sowie in die jüdische Bestattungs- und Erinnerungskultur. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde reicht bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts zurück. Nachdem sich 1729 die erste jüdische Familie in Tholey angesiedelt hatte, entwickelte sich eine lebendige Gemeinde. Um 1843 lebten knapp 90 jüdische Bürgerinnen und Bürger im Ort. Sie waren unter anderem im Vieh- und Textilhandel sowie im Geldverleih tätig. Wirtschaftliche Schwierigkeiten führten ab den 1870er Jahren zu ersten Auswanderungen. Nach der Auflösung der Synagogengemeinde im Jahr 1916 wurde die 1863 geweihte Synagoge 1937 verkauft. Vor der Saarabstimmung im Jahr 1935 lebten noch rund 40 jüdische Bürgerinnen und Bürger in Tholey.
Der vermutlich gegen Ende des 18. Jahrhunderts angelegte Friedhof wurde bis zur Vertreibung und Deportation der jüdischen Bevölkerung in den 1930er Jahren genutzt. Während des Nationalsozialismus wurde die Begräbnisstätte im Zuge der antisemitischen Verfolgung und der sogenannten „Arisierung“ verwüstet. Mitte der 1950er Jahre erfolgte die Wiederherstellung des Friedhofs. Während der Kriegsjahre wurden dort zudem 75 sowjetische Kriegsgefangene bestattet.
Während des Rundgangs ging Jörg Künzer auf die Besonderheiten der jüdischen Begräbniskultur ein, erklärte die Symbolik und die hebräischen Inschriften auf den Grabsteinen und berichtete über bewegende Lebensgeschichten der bestatteten Menschen. Mehr als 20 unterschiedlich gestaltete Grabsteine sind bis heute erhalten. Sie sind – wie auf jüdischen Friedhöfen üblich – nach Osten in Richtung Jerusalem ausgerichtet. Kleine Steine auf manchen Grabmälern erinnern an den jüdischen Brauch, beim Friedhofsbesuch einen Stein als Zeichen des Gedenkens und der Beständigkeit zurückzulassen. Da ein jüdischer Friedhof als „Haus des ewigen Lebens“ gilt, werden Gräber grundsätzlich nicht aufgelöst. Statt vergänglicher Blumen oder Kränze werden die Grabstätten häufig mit Bodendeckern gestaltet.
Ein weiterer Schwerpunkt der Führung war das von der Synagogengemeinde Saar im September 2025 gestartete Projekt „Friedhöfe als Lernorte“. Es ermöglicht insbesondere Schülerinnen und Schülern, sich an authentischen Orten mit der Geschichte jüdischen Lebens in ihrer Heimatregion auseinanderzusetzen. Dabei lernen sie die Geschichte der jüdischen Gemeinden vor, während und nach der Zeit des Nationalsozialismus kennen und beschäftigen sich mit den Themen Trauer, Sterben und Erinnerung im Judentum. Zugleich entdecken sie die Bedeutung hebräischer Inschriften und religiöser Symbole auf den Grabsteinen und erfahren anhand persönlicher Schicksale saarländischer Jüdinnen und Juden, welche Folgen Ausgrenzung, Antisemitismus und Rassenwahn hatten. Das Projekt richtet sich außerdem an Lehrkräfte und zeigt Wege auf, den jüdischen Friedhof als außerschulischen Lernort in den Unterricht einzubeziehen. Gleichzeitig stärkt es den interreligiösen Dialog, trägt zur Prävention von Antisemitismus bei und fördert das Bewusstsein für eine freie, demokratische und vielfältige Gesellschaft.
Bürgermeister Andreas Maldener dankte der Synagogengemeinde Saar und insbesondere Jörg Künzer für die eindrucksvolle Führung. „Der jüdische Friedhof ist ein wertvoller Erinnerungsort, der Geschichte auf eindrucksvolle Weise vermittelt. Solche Führungen leisten einen wichtigen Beitrag dazu, historische Zusammenhänge zu verstehen, Vorurteile abzubauen und die Erinnerung an das jüdische Leben in unserer Region lebendig zu halten. Gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus wieder zunimmt, ist es wichtig, die Geschichte sichtbar zu machen und Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen“, betonte Maldener.
